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human bombing Lügen und
Kriege Die jüngste Produktion der Berliner
Compagnie ist eine sehr freie Paraphrase der Orestie des Aischylos; zugleich ein
streng durchchoreografiertes Spiel, immer vorangetrieben von einem rasanten
Schlagzeug. Gab es den Raub der Helena? Oder ging es beim trojanischen Krieg um
den Seeweg durch die Dardanellen? Das Stück kommt wie eine alte griechische
Tragödie daher und ist ein Spiegel der aktuellen Politik. Es ist Dara Weinbergs Debutinszenierung. Wir haben die 21-jährige US-amerikanische Theatermacherin aus Los Angeles bei einem „work-exchange-program“ der San Francisco Mime Troupe in Kalifornien kennengelernt. Im Handumdrehen hatte sie damals die Teilnehmer des workshops in einen furiosen antiken Chor verwandelt. Seit ihrem 14. Lebensjahr beschäftigt sie sich mit dem Chor auf der Bühne. Aus dieser Begegnung entstand der Plan zu „human bombing“. Für Dara war der Schritt nach Berlin aus ihrem familiären, jüdischen, Hintergrund heraus nicht leicht. Aber an einem Projekt mitzuarbeiten, das sich kritisch mit ihrem Präsidenten und seinen Kriegen auseinandersetzt, war wichtig für die junge Frau, die von der Frage umgetrieben wird: „Wie lange kann ich in meinem Land noch leben, ohne mich mitschuldig zu machen?“ |
| RHEINPFALZ, 20.11.2004 Vom Mörder zum Staatsmann Berliner Compagnie zeigt "Human Bombing" Marie-Luise Funk Am Ende steht die große Utopie "vom Ende der Kriege" als Abkehr von prähistorischem Verhalten: Der Feldzug gegen Babylon fällt aus. Ein übergeordnetes Gericht "aller geschundenen Völker" mit Sitz in Delphi wird zukünftig Raubzüge, Versklavung, Angriffskriege verfolgen. Agamemnon ist dabei der erste zu richtende Verbrecher an der Menschheit. Mit "Human Bombing", anlässlich des Irak-Krieges 2003 entstanden und im Rahmen der "30. Kirchheimbolander Friedenstage" im NPG vorgestellt, knüpfen die Autorinnen Helma Fries und Elke Schuster an die 458 vor Chr. uraufgeführte Orestie von Aischylos an. In der antiken Tragödie wird Agamemnon von seiner Gattin Klythemnestra und ihrem Liebhaber Aigisthos bei der Heimkehr aus Troja getötet. Klythemnestra rechtfertigt den Mord mit der Rache für Iphigenie, ihre Tochter, die vom Vater den Göttern für "günstige Winde nach Kleinasien" geopfert wurde. Orestes, der Sohn, nimmt Blutrache an der Mutter und ihrem Buhlen und wird dafür von den Erinnyen an den Rand des Wahnsinns getrieben. Apollo, Gott des Lichts, stellt den Muttermörder vor das Athener Gericht. Athenes Stimme "göttlicher Gerechtigkeit" spricht ihn frei, die blutrünstigen Rachefurien werden zu (freundlichen) Eumeniden. Aischylos sagt im ersten großen Drama der Weltliteratur dumpfem Schicksalsglauben und Blutrache ab. Human Bombing" macht den Kriegsherrn Agammemnon zum Täter, nicht zum Opfer. Der per Gesetz selbsternannte Tyrann von Mykene, zynisch und machtgeil, plant sofort nach dem 10-jährigen schmutzigen und gewinnträchtigen Kampf um Troja, in den er als Stellvertreter seinen Sohn schickte, den nächsten Raubzug nach Babylon. Die gegen den Krieg und für die Gleichberechtigung aller Völker rebellierende Tochter Elektra erklärt er zur Staatsfeindin und lässt sie von den beutebeladenen Siegerhorden zu Tode trampeln. Orestes, verwundet, ebenfalls ungehorsam und nicht mehr zu staatserhaltenden Lügen bereit, wird hingerichtet. Der Chor der Strohwitwen, bislang schweigend, tratschend, den Mächtigen nach dem Mund redend, erwacht aus seiner Unmündigkeit. Klythem-nestra, die mit ihren drei Kindern alles verlor, wächst über sich selber hinaus, als sie den verhassten Zerstörer ihrer Familie nicht mit dem Schwert umbringt. Die Berliner Compagnie fesselte und erschütterte durch ihr leidenschaftliches, rückhaltloses Spiel. Die Regie Dara Weinbergs lässt mit minimalen äußeren Mitteln Theater von ebenso zeitloser Aussage wie mimischer Faszination erstehen. Den musikalisch-rhythmischen Puls gibt - sehr differenziert und feinfühlig - Rondo Beat am Schlagzeug an, stimuliert Stiefeltritte, trommelt Aufruhr, steigert dramatische (Aus-) Brüche. Vier Schauspielerinnen in feldgrauen Schneiderkostümen, maskenhaft geschminkt, bewegen sich in überhöhnten Gesten und straff choreografiert bis in Richtung Ausdruckstanz. Die Sprache jongliert zwischen Hexametern und Prosa. Helma Fries, als Agamemnon völlig geschlechtslos, verkörpert unter grauer Löwenmähne suggestiv einen quer durch zweieinhalbtausendjährige Geschichte austauschbaren Machtpolitiker. ("Lässt du zwei Menschen töten, wirst du Mörder genannt, bei 10 000 ein Staatsmann.") Elke Schuster, Kly-themnestra, zeigt unter die Haut gehend die Wandlung vom "Diktator-Weibchen" über die vernichtete Mutter zur "bewegten Frau", die ihre Lektion gelernt hat: Absage an jede Gewalt. Juliane Zschau zieht vielseitige Register ("jung und frech") als aufrührerische Elektra. Telma Savietto, nebenbei Herold, verleiht mit rollendem Akzent der tragischen Figur des Orestes sehr menschlich- lebendige, mitunter schon ins Clowneske weisende Züge. Treten die Hauptdarsteller als "Volkes Stimme" in die Allgemeinplätze des nicht immer verständlichen Chores zurück, binden sie sich mit Fußfesseln an Pflöcke, die auch als Podeste oder Hocker genutzt werden. Aufwühlend-bizarr hört sich die hinter den Palastwänden gesungene Totenklage an. Archaisch-streng aufgemachte Abrechnung mit noch heute gültigen Archetypen - ach ja, der Agamemnon auf dem Theaterplakat trägt übrigens George W. Bushs Gesichtszüge. Die leider immer noch fortdauernde Notwendigkeit von Friedensarbeit hatte Ruprecht Beuter zu Beginn stellvertretend für die Veranstalter angesprochen. Langer, stürmischer Beifall feierte die schauspielerische Glanzleistung. |
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